Auch an diesem Tag: Und einen Einsatz werde ich nicht vergessen. Er hat den Code 29D00. 29 erinnert mich an meinen Geburtstag und deshalb weiß ich den Indikationscode auswendig. Gerade 2 Stunden zuvor habe ich mir den Code eingeprägt. Er steht für “Unfall”. Das D ist die schlimmste Note für Einsätze, wo wir eventuell noch Maßnahmen setzen können. Bei einem E ist ein NACA 7 zu erwarten. 00 gibt keine weiteren Situationsbeschreibungen an. Im Kommentar der Nachricht steht “Motorradunfall”. Blaulicht an und noch vom letzten Einsatz irritiert, verlassen wir das LKH-Gelände.

Am Unfallsort weisen uns Leute vor Ort ein. Die lokale Situation beschreibe ich hier nicht. Der Motorradfahrer liegt so unauffällig am Boden, dass du ihn beinahe übersiehst. Du deutest die Spuren, wie er eine Tafel frontal gerammt hat. Hast du ihn jedoch entdeckt, sackt das gesamte Blut in deinem Körper zusammen und dein Gesicht wird kahlweiß. Sofort springst du aus deinem Wagen. Die Leute schreien, dass sein Puls sehr schwach ist und früher nur mehr 3 Atemzeichen festgestellt werden konnten. Dein Fahrer überprüft Lebenszeichen, während du Gerätschaften zum Transport vorbereitest. Dein Fahrer sprintet zum Auto und schreit in den Funk, dass er den NEF benötigt. Plötzlich ist der NEF in gefühlten 10 Sekunden bereits da. Er parkt ein und dem NEF-Team passiert das selbe wie eben beschrieben. Erstes Ziel ist es den Patienten von der Bauchlage auf den Rücken zu drehen. Das NEF-Team kümmert sich um den Kopf, dein Fahrer sich um den Oberkörper und du hälst seinen Fuß; jenen Fuß der um 180 Grad in die falsche Richtung zeigt. Es ist eigentlich egal, wie du ihn hälst, weil außer der Haut hält nichts mehr den Fuß am Körper. Wie der Notarzt später informiert, geschah mit dem Kopf das selbe. Wenn du den Fuß beim Knöchel anschaust, siehst du so tief hinein, dass du eine Substanz wie Darmschlingen erkennst. Es folgt die Helmabnahme. Der Kopf ist bereits so angeschwollen, dass der Kopf kaum mehr herauspasst. Die Augen stehen groß heraus. Die Mundhöhle ist bis oben hin mit Blut gefüllt. Wenn du den Helm anschaust, siehst du ein großes Loch unter dem Visier und am Hinterkopf. Dem Notarzt wird schlecht und er schreit nur mehr “Leintuch”. Mit einem weißen Lei(n|chen)tuch decke ich ihn zu. Das Leintuch färbt sich sofort rot. Die Passanten ebenan trinken weiter ihren Kaffee und wir entdecken am Namen, dass es sich um einen jungen Ex-Zivi vom Roten Kreuz handelt. Der Pager piepst und der nächste Patient wartet. Willkommen im RKT-Dienst.

PS: In der Mittagspause meinte die Gesellschaftsrunde rund um den NEF (bez. eines anderen Motorradunfalls), dass die Schutzkleidung für Motorradfahrer sehr wichtig ist und immer unterschätzt wird. Dieser Motorradfahrer war aber perfekt ausgerüstet.

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3 comments until now

  1. Der post alleine schon ist nichts für schlechte nerven… übertrifft, was ich alles erlebt habe…

    Respekt, dass du’s durchgestanden hast…

  2. Frédéric Gierlinger @ 2009-10-13 21:49

    “Wenn du den Fuß beim Knöchel anschaust, siehst du so tief hinein, dass du eine Substanz wie Darmschlingen erkennst.”

    Auch wenn ich nie besonderst in Biologie war, weiß ich, dass sich in der Gegend des Knöchels am Fuß keine Darmschlingen befinden ;)

  3. MeisterLuk @ 2009-10-13 22:40

    @Peter: Ja, durchstehen sehe ich jetzt nicht als schwierig an. Vor allem im Einsatz selbst bist du hochkonzentriert und bekommst eigentlich emotional gar nichts mit. Erst hinterher werden dir Dinge klarer. Eigene Fehler können auch fatal für die psychische Verarbeitung sein. Hatte selbst erwartet, dass es emotional anstrengender ist im Einsatz, aber in der Praxis war es leichter als gedacht. Im Nachhinein gehen dir die Bilder noch 1000mal durch den Kopf und irgendwann kannst du es wieder vergessen. Natürlich sind das Situationen, die du vielleicht einmal im Zivildienst erlebst, danach wohl nie wieder. Also entsprechend vorbereitet und mit Erfahrung geht man nie in eine solche Situation als Zivi.

    @Fred: Darauf brauche ich wohl nicht näher einzugehen.

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